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Neue Westfälische Zeitung, 12.07.11
Anziehungskraft des Verborgenen

Der in Ammerthal lebende Künstler Sven Hamann zeigt in Bielefeld kleinformatige Arbeiten seiner Malerei. Jedoch verwendet der Pfälzer für seine abstrakten Motive Sand, Zement, Lehm und andere Baustoffe, färbt die Materialien ein, so dass sie auf der Leinwand verfremdet erscheinen. Seine abstrakten Bilder, die erzählen von Parallelen zur Architektur, minimalisieren das Architektonische, den Körper zur Fläche, das Haus zur Hauswand. Der Maler schließt die Zeit mit ein, gestaltet Risse und Spuren der Vergänglichkeit. Seine Bilder evozieren eine Lust an der Berührung und des Begreifenwollens. Sie geben den unwiderstehlichen Impuls, das Verborgene zu entdecken, ein Bild mit den Blicken zu betreten wie sonst ein Haus.


Gedanken zu den Arbeiten Colors of Architecture, Herbst 2010
Grundlage der neuen Serie „Colors of Architecture“ sind die Fotografien aus der Serie „Fassaden“. Bei dieser Serie ist mir eine Fassade extrem aufgefallen, die im Düsseldorfer Medienhafen entstanden ist. Auffällig hier die offensichtliche (!) Farbigkeit und der Umgang mit dem Thema Farbe. Da diese Fotografie innerhalb der Serie eine gewisse Ausnahmeposition einzunehmen schien, war es für mich Grund genug zu analysieren woran das liegt. Letztendlich habe ich andere Fassadenfotografien auf Ihre Farbigkeit und deren Struktur reduziert, um somit ein abstraktes Bild der Farbigkeit von Architektur zu bekommen. Resultat sind Ansichten von oft nur 500 Bildpunkten, die die Struktur und Farbigkeit genau repräsentieren und nur auf den zweiten Blick entfernt als Architektur wahrzunehmen sind. Die Arbeiten sind als großformatige Fotografien konzipiert, die aus meiner Sicht die geringste Assoziation mit dem Thema Material haben, denn mir geht es hier wirklich explizit um das Thema Farbe. Und wirklich interessant an der Serie ist, dass ein ganz großer Teil unserer Architektur viel mehr Farbe enthält, als man auf den ersten Blick meint und sieht – es ist nur nicht so offensichtlich wie in der oben genannten  Fassade aus Düsseldorf. Vielleicht sollten oder könnten die Farbstudien auch Anregung sein für Planer und Architekten die (Farb-) Gestaltung etwas offensichtlicher zu machen und somit auch dem Ruf des „Einfallslosen“ und „Grauen“ zu umgehen und etwas mehr Farbigkeit in die zeitgenössische Architektur zu bringen – und damit meine ich nicht, jedes Einfamilienhaus in einer Wohnsiedlung in einer anderen Farbe zu streichen… . Gute Beispiele gibt es, wenn auch selten, wie das kürzlich eröffnete Museum Brandhorst in München.



Mittelbayrische Zeitung, 19. September 2009
Sand und Zement: Man möchte fühlen und zugreifen

Fotografien und Malerei von Sven Hamann im Krankenhaus St. Josef
Von Helmut Hain

Oft stammt die interessantere Kunst von Berufswechslern. Die bessere Literatur von Juristen oder Ärzten wie Kafka oder Benn. Die überraschenderen Töne von Dilettanten wie Erik Satie. Und die schöneren Bilder von Architekten wie Sven Hamann. Der hat das Bauen studiert, sich dann in den Dienst von Auftraggebern gestellt, war aber irgendwann genervt von abwegigen Wünschen der Auftraggeber und noch abwegigeren Vorgaben diverser Behörden.

Sven Hamann wechselte das Metier und wurde zum eigenen Bauherrn. Jetzt ist er frei – denn die Kunst schützt ein Grundrechtsartikel vor den Eingriffen und „Ideen“ von Beamten – und genießt die unbestrittene Autonomie der ästhetischen Sphäre. Wenn überhaupt muss er sich nur noch den unerbittlichen Regeln des Marktes fügen. Da aber muss er sich keine Sorgen machen. Denn seine Arbeiten sind überraschend, betörend und zudem äußerst preiswert. Ein kleines Problem sieht der ansonsten bezaubernde Lobredner Reiner R. Schmidt höchstens in konservatorischer Hinsicht: Man wisse noch nicht so genau, wie die Materialien auf Hitze, Kälte, Trockenheit, Nässe reagierten. Und wenn es erst einmal zu bröckeln beginne, werde das restaurative Bemühen unter Umständen zum Alptraum. Denn Sven Hamann begnügt sich nicht mit Leinwand, Öl oder Acryl. Er setzt, aus alter Verbundenheit zu seiner frühen Architektenzeit, vor allem auf Sand, Zement und ähnliche Baustoffe. Das verleiht seinen Arbeiten einen raren haptischen Reiz – man möchte sofort fühlen, zugreifen –, oft auch eine verblüffende Räumlichkeit. Die Bilder können auch, was Bauten selbstverständlich tun: verwittern. Die Zeit hinterlässt, vermutlich, Spuren; das ist schön, aber auch riskant.

Thematisch bleibt Sven Hamann selbst als bildender Künstler Architekt; oder Architekturkritiker. Der Mensch verbringt den größten Teil seiner Zeit in Häusern oder in städtischen Räumen. Das Ambiente bildet und (ver)formt ihn; oft ohne, dass er es bemerkt. Das Bauen ist deshalb, wie schon die Bauhaus-Leute wussten, immer auch ein politisches Statement, ein soziales Experiment, eine anthropologische Versuchsanordnung.

Als Fotograf dokumentiert Sven Hamann den Stand von Architektur und Urbanität. Freilich verliert das, was man zeigt, leicht seine Unschuld und Klarheit. So werden Hochhausfassaden im veränderten Kontext zu ästhetischen Objekten. Die Wiederholung, die man, wenn man sie durchlebt, schmerzhaft empfindet, wird suggestiv, zu einem Moment der Schönheit. Man schaut, in ästhetischer Einstellung, gern zu, wenn das Subjekt verschwindet oder seriell wird, wenn es als Accessoire einer großen Inszenierung seine Bestimmung findet. Bei Andreas Gursky, an den Hamanns Fotografie gelegentlich erinnert, wird der Einzelne zum puren Ornament der Masse, zum Teil eines pathetischen Geschehens. Sven Hamann meidet die Falle der Erhabenheit, überhaupt von Gefühlen, die sich politisch mobilisieren, d.h. missbrauchen lassen.

Seine Arbeiten scheinen auf den ersten Blick abstrakt, überdies sehr reduziert und minimalistisch. Ihr Raffinement verdankt sich aber der Tatsache, dass die Figur, der Gegenstand nicht einfach gelöscht wird, sondern durchscheint, als Schatten oder Rückseite der Abstraktion weiter anwesend ist. Wobei natürlich die Frage bleibt, ob der irritierende Reichtum, die Fülle in der Einfachheit eine Sache des „Kodes“, der strukturellen Arrangements ist oder im Blick des Betrachters liegt. Und wenn Letzteres zuträfe, ob denn nicht auch der imaginäre Raum des Rezipienten ein Produkt der Inszenierung des Künstlers ist. Eine sehr schöne Ausstellung, bis in die koloristischen Subtilitäten hinein, die obendrein Denk-Bilder liefert, Anlässe zur Reflexion und Meditation.



Nordbayrische Nachrichten, 16. April 2009
Rauer Lehm und fröhliche Mädels

Sven Hamann und Petra Deta Weidemann laden zu ihrem Blick auf die Welt ein
Von Thomas Knauber

Der eine fertigt raue Bilder wie von einem etruskischen Grabrelief. Die andere setzt heitere Figürchen an die Wand, aus dem Kopf entworfen und mit Stofffetzen angezogen. Hollfelds Galerie «Kunst & Museum» beherbergt zwei Künstler, die für Kontrast sorgen: Sven Hamann und Petra Deta Weidemann.

Sven Hamann (36) hat irgendetwas in sich, wo man denkt: Das könnte mal ein besonderer Künstler werden. Er malt und fotografiert zwar komplett anders, sehr einfach, aber mit seinen Bildern ist es das Gleiche: Sie verdecken ein inneres Strahlen.
Er stellt aus Sand, Leim und Zement sehr schlichte Hausfassaden auf die Leinwand oder klickt simpel die endlosen Fensterwaben von Wohnblocks ab. Taucht dabei mal ein Mensch hinter einem Vorhang auf, löscht er ihn digital weg. Denn der Betrachter soll ungestört von ihm hineinträumen in diese Serien-Appartements, zu der wohligen Behausung dahinter, in die kleine private Welt.
Deshalb versteht Sven Hamann seine Fotos serieller Bauten nicht als Kritik, sondern nur als "ehrlichen Fingerzeig auf den Spiegel unserer Gesellschaft". Er empfindet die Wohnwaben nicht als schrecklich, sondern nur als "Stapelung von Einheiten, von Büros".
Sven Hamann war schon im Kunstunterricht seiner Schule von der Architektur begeistert. Später studierte er Architektur, war aber gleichzeitig an ihrem künstlerischen Aspekt interessiert. Doch als er dann im Beruf merkte, dass dies den Bauherren egal war und nur mit Mühe zu vermitteln, folgte er dem Vorbild seines Chefs. Der war nebenher Künstler.

Immer spannend
So ist Hamann, in Ammerthal in der Oberpfalz aufgewachsen und in Gostenhof daheim, inzwischen freischaffend. Er hat seine Liebe zu Häusern behalten, fotografiert in ganz Europa, besonders in Portugal, und sieht kein Ende: "Architektur ist uferlos und trotzdem immer spannend. Ich bin da selbst immer wieder baff, obwohl ich schon so viel gesehen habe."
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Amberger Zeitung, Nr. 42, 20. Februar 2009
Spiel und Verfremdung zwischen Dimensionen

Architektur im Fokus: Sven Hamann präsentiert Fotografie und Malerei im A.K.T. Kunstverein Amberg
Von Marielouise Scharf

Bis 21. März sind im Amberger Kunstverein Fotografien und Gemälde von Sven Hamann zu sehen. An den zwar "mit bester Farbe" renovierten, jetzt aber schon wieder etwas ramponierten Wänden in der A.K.T.-Galerie (Am Viehmarkt 4) hängen die Exponate.
Sie passen in den Raum, als hätte sie der Künstler eigens für diese Örtlichkeit geschaffen: ästhetisch in der Konstruktion, unauffällig in der Farbigkeit und vielschichtig im Erscheinungsbild. Fotografie ebenso wie Malerei harmonieren unglaublich gut mit den spröden Wänden, der abgeblätterten Farbstruktur, der hellen, freien Zimmeratmosphäre.

Studierter Architekt
Eigentlich ist der in Ammerthal lebende, freischaffende Künstler ein studierter Architekt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Architektur in seinen Arbeiten auch eine bestimmte, wenn nicht sogar die wichtige Rolle spielt. Hohe Gebäude, Fassaden und Fensterfronten strukturieren die Werke. In seinen Fotoarbeiten zeigt Sven Hamann direkt und klar architektonische Ansichten. Sein Anliegen ist, den Blick des Betrachters für Architektur zu wecken und zu schärfen.
"Der dreidimensionale Raum, wird durch die perspektivische Parallelisierung in eine zweidimensionale Fläche überführt und dadurch abstrahiert", erläutert Hamann in einem Text zur Ausstellung. "Störende und narrative Elemente" würden auf seinen Bildern mittels digitaler Bildbearbeitung entfernt und die Fotografie somit auf die "architektonische Aussage reduziert und konzentriert".
Seine Fotografien sind Originalabzüge, die auf den ersten Blick wie grafisch gestaltete Blätter hinter Glas wirken. "Es sind keine Computerdrucke, sondern ganz traditionell auf Fotopapier gemachte Abzüge", erläutert Hans Graf, der Vorsitzende des Kunstvereins.
Klar und schnörkellos ist das Objektiv auf Häuserfassaden gerichtet. Die vom Künstler gewählte frontale Perspektive wirkt distanziert und zieht doch die Blicke auf sich. Monotonie von Bauten, Vielschichtigkeit der Assoziation - man wird neugierig, tritt an das Foto, späht in die Fenster und will auf Spurensuche gehen.

Bilder zum Erfühlen
Dieser Wunsch steigert sich bei Hamanns Malereien. Aus der Entfernung wirken sie klar gebaut. Doch die mehrfach geschichteten Strukturen, die mit Zement, Sand und Lehm konstruierten Bildinhalte, ziehen den Blick an.
Er will erfühlen und ertasten, die Finger auch. Mit Pigmenten sind die Materialien eingefärbt oder später mit Acrylfarbe überstrichen.
Die Bauten sind durchbrochen, lassen Ein- und Durchblicke zu, sind zerkratzt und aufgesetzt. Sie verschließen sich auch wieder. Manches wird mit grober Schnur vernäht, anderes mit Teerpappe verklebt. "Mich erinnert vieles an eine Baustelle", sagt Graf, "da lohnt es sich, genauer hinzuschauen."

Die Ausstellung läuft noch bis 21. März. Öffnungszeiten: freitags 15 bis 19 Uhr, samstags 13 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung.



Katalogtext zum Kunstpreis Langwasser: Urbane Welten
Sven Hamann, Facades, 2006-2008, Diaprojektion, Serie von 65 Fotografien
Von Dr. Harald Tesan

Seit dem Studium der Architektur setzt sich Sven Hamann in seinem freien künstlerischen Werk mit Fassaden der so genannten funktionalistischen Moderne auseinander. Dabei konzentriert sich der Fotograf auf die äußerlich sichtbare Grundstruktur von seriellen Bauformen.
Konsequent durchgehalten ist der streng frontale Blick auf die Fassaden, durch den die Architekturausschnitte als flache Bilder erscheinen. Deren minimalistisches Raster erinnert nicht zufällig an die geometrische Abstraktion der Künstlervereinigung De Stijl. Wie einst Piet Mondrian ist Hamann bestrebt, jegliche Räumlichkeit zu verbannen und ist fasziniert vom Rhythmus des Flächengitters. Dass Hamann den Reizen der geometrischen Abstraktion an tatsächlich gebauter Architektur nachspürt, weist ihn als typisch postmodernen Vertreter einer Appropriation Art aus. In seinen nacheinander projizierten Fassaden wirkt die Klassische Moderne zitathaft "gesampelt".
Zwar will Hamann die Architektur aus ihrer Umgebung "extrahieren", um den Blick auf die "ungestörte, ortsunabhängige" Fassade zu lenken und geht so weit, "störende und narrative Elemente" mittels digitaler Bildbearbeitung zu entfernen. Der wechselnde Lichteinfall, die verzerrte Spiegelung von Himmel und Wolken in den Glasflächen, die hinter den Fenstern sichtbaren Möbel oder Einbauten und schließlich die unverkennbare Alterspatina der Gebäude werden offenbar jedoch mit einkalkuliert. Es sind reale "Störfaktoren", die sich dem puristischen Ideal von Bauhaus, International Style, L’esprit nouveau & Co trotzig widersetzen.


Link zu Dr. Harald Tesan an der Universität Passau
Link zu Culture Sells von Dr. Harald Tesan



Interview Simone Kraft M.A., Kunsthistorikerin Heidelberg, im Januar 2009

Wieso wird ein studierter Architekt Künstler?
Um das zu beantworten muss man noch einen Schritt zurückgehen und sagen, warum ich Architektur studiert habe. Mein Wunsch, kreativ zu arbeiten, stand von Anfang an im Vordergrund – in welcher Ausprägung das sein sollte, war mir zu Studienbeginn selbst nicht ganz klar. Entsprechend war ich mir unsicher bei der Wahl des Studiengangs. Doch schnell merkte ich, dass mich das Thema Architektur fesselte – daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich habe also mein Diplom gemacht und begann nach einer Phase mit Wettbewerben (auch im Bereich der Kunst) als angestellter Architekt zu arbeiten. Dabei merkte ich aber sehr schnell, dass der Berufsalltag wenig Spielraum für Kreativität in meinem Sinne zuließ und meinem Wunsch, eigene Ideen zu verwirklichen, durch gesetzliche Vorschriften und Bauherren starke Schranken gesetzt wurden. Da mein damaliger Arbeitgeber selbst auch erfolgreicher Künstler war, hatte ich einen guten Einblick in die Praxis eines Künstlers. Das war der Anfang.

Wer war dieser Arbeitgeber?
Das war der mittlerweile verstorbene Prof.Klaus Neuper, ein bekannter Maler.

Wie ging es nach dieser ersten Begegnung mit der Praxis eines Künstlers weiter? Hast du eine Zeit lang als Architekt und Künstler parallel gearbeitet oder schnell den Sprung ins kalte Wasser gewagt und nur als Künstler gearbeitet?
Was die Architektur angeht, gab es dann einen harten Schnitt. Als Architekt zu arbeiten und das gleiche Thema künstlerisch umzusetzen war für mich ein Widerspruch. Natürlich konnte ich nicht von meiner Kunst leben, sodass es noch andere Einkommensquellen gab.

Seit 2002 bist du freischaffender Künstler, nachdem du davor ein paar Jahre als Architekt gearbeitet hast. Wie beeinflusst das Architekturstudium bzw. die Architektur deine Kunst, etwa bei der Arbeitsweise und/oder bei der Themenwahl?
Als ich den Beruf des Architekten ausgeübt habe, wurde mir bei vielen Projekten bewusst, wie wenig sich Bauherrn mit dem Thema und der Theorie der Architektur auseinandersetzen. Entsprechend schwierig waren für mich die Bauvorhaben, da ich es mit den mir vorhandenen Mitteln nicht schaffte, für das Thema Architektur zu sensibilisieren. Ganz anders in der Kunst – hier kann ich mich unabhängig von äußeren Anforderungen auf einen Aspekt konzentrieren und diesen ausarbeiten.

Du möchtest für das Thema Architektur sensibilisieren: Welche Ziele verfolgst du mit deinen Arbeiten?
Ich möchte die Menschen für das Thema der Architektur begeistern und sensibilisieren und den Blick des Betrachters für Architektur schärfen.

Warum ist es nötig und wichtig, den Blick für Architektur zu schärfen? Welche Bedeutung hat Architektur für uns?
Wir sind in unserer Zivilisation permanent mit Architektur umgeben, verbringen einen Großteil unseres Lebens darin – allein dadurch ergibt sich schon der zwingende Bedarf, sich der Thematik zu stellen. So wie wir uns beispielweise mit dem Thema Mode beschäftigen, das uns unmittelbar auf der Haut betrifft, wünsche ich mir eine Auseinandersetzung mit der räumlichen Hülle, die uns als Menschen umgibt. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das Thema Architektur bereits in der Schule stärker eingebracht werden müsste. Vielleicht könnte man so auch eine intensivere Auseinandersetzung erreichen, was mein Anliegen wäre – ich möchte keine Meinung vorgeben nach dem Motto: Das ist gut und dies ist schlecht – sondern animieren, sich auseinanderzusetzen und ein eigenes Urteil zubilden.

Ein interessanter Gedanke, Architektur schon in der Schule stärker einzubringen. Ich möchte gern später darauf zurückkommen.
Zunächst aber zurück zu deinen Arbeiten. Mittlerweile bist du seit 6 Jahren freischaffender Künstler und arbeitest sowohl mit Fotografie als auch mit Malerei. Warum diese beiden Medien Fotografie und Malerei?

Es gibt Aspekte, die kann ich besser mit der Fotografie transportieren, andere mit der Malerei. Mein Anfang in der Fotografie war auch in meiner Studienzeit – ich glaube, es gibt kaum einen Architekturstudenten ohne Kamera. Hier stand der dokumentarische Aspekt im Vordergrund. Schnell merkte ich aber, dass natürlich die Art der Perspektive entscheidend ist, wie und was der Betrachter wahrnimmt. In der klassischen Architekturfotografie wird meist mit Perspektive gearbeitet, um die räumliche Situation festzuhalten. Mir geht es aber in meiner Fotografieserie, die mittlerweile auf fast 70 Arbeiten angewachsen ist, um die Fassade. Die von mir gewählte Perspektive, die eigentlich gar keine Perspektive ist, sondern ein frontales zweidimensionales Abbild der Fassade, erzwingt eine Beschäftigung mit der Fassade, da der Blick nicht der Perspektive zum Fluchtpunkt folgen kann, da es keinen Fluchtpunkt gibt. Also ein Spiel mit der Wahrnehmung des Betrachters, um gewohnte Seh-Muster aufzubrechen.

Ein Verfremden der gewohnten Seh- und Sichtweisen?
Ich glaube, Verfremden ist nicht der richtige Begriff – es ist eher ein Zwingen zu einer anderen, direkten Sichtweise. Auch der Sichtweise des Architekten beim Prozess der klassischen Fassadengestaltung.

Auf die Fassaden komme ich gleich zurück.
Die Fotografien haben keine Titel, nur einen Nummerncode. Warum?

Die Fotografien sind eine umfangreiche Serie, die in den letzten Jahren seit 2006 entstanden sind. So wichtig mir jede einzelne Fotografie, jede einzelne Fassade ist, so wichtig ist mir letztendlich die Gesamtheit, die Serie. Dabei ist ein ganz wichtiger Aspekt das Lösen der Architektur aus ihrem baulichen Kontext – sprich, das Extrahieren aus der Umgebung der gezeigten Architektur. Nur dadurch ist ein ortsunabhängiger Blick und ein Vergleichen möglich. Es gibt zum Beispiel die typischen Plattenbaufassaden in Ostdeutschland. Genau den gleichen Typus findet man aber auch in fast jeder westdeutschen Stadt, nur nicht so gehäuft.
Deswegen lässt auch der Code, der den Titel ersetzt, einen Schluss auf den Ort nicht zu.

Wie und warum kam dann die Malerei dazu? Wie entsteht ein Gemälde? Wird es inspiriert von den Fotografien?
Die Malerei war von Anfang an ein Medium, das ich nutzen wollte, da es mir andere Möglichkeiten bietet als die Fotografie. Die erste Phase war geprägt durch viel Probieren, mit welcher Technik ich meine Ideen am besten transportieren konnte. Ich werde oft gefragt, ob ich meine Fotografien in der Malerei „umsetze“. Es ist jedoch kein Kopieren in das Medium der Malerei, sondern eine abstrahierte Inspiration, die auch formale Gründe hat.

Nämlich welche?
Proportionen, Material, Farbe, Geometrie.

Kommen wir zurück zu den Fassaden, die in deiner Arbeit eine wichtige Rolle spielen. In gewisser Weise werden deine Gemälde „gebaut“, nämlich geschichtet und durch typische „Baumaterialien“ geformt (Lehm, Sand, Zement). Hat dieser Gedanke eine Rolle gespielt bei der Entscheidung, mit diesen Materialien zu arbeiten?
Ich habe schon im Studium viel gezeichnet und auch skulptural gearbeitet – es kam dann die Phase, in der ich viel probiert habe. Es fing an mit Wandobjekten aus Stahl, wobei mich hier der Prozess des Rostens (Thema ästhetischer Reiz des Vergänglichen) interessierte. Es folgte eine Phase mit Objekten aus Beton, bis ich schließlich bei meiner momentanen Technik gelandet bin, mit der ich sehr gut das Thema der Fassade und dem „Dahinter“ transportieren kann. Dabei war es für mich immer sehr wichtig tatsächlich auch mit Materialien zu arbeiten, die einen starken Bezug zur realen Architektur haben.

Das „Dahinter“ der Fassade – wie meinst du das? Den Raum hinter der Fassade oder das Material, aus dem die Fassade aufgebaut ist?
Das rein Bautechnische – wie ist tatsächlich eine Fassade aufgebaut – spielt eine untergeordnete Rolle. Allerdings kann ich hier durch die Materialität und durch das haptische Moment meiner Arbeiten auch dafür sensibilisieren.
Mein Fokus liegt in der Malerei jedoch auf dem Individuellen, was hinter der gebauten Fassade liegt: Das, was sich uns in Ausschnitten durch die Fassadenöffnungen zeigt. Es sind zwar „nur“ Ausschnitte und kleine Einblicke, die uns aber sehr viel sagen über das, was sich dahinter befindet – und damit meine ich nicht (nur) das Materielle, sondern den Menschen und letztendlich unsere Gesellschaft, denn Architektur ist die Hülle unserer Gesellschaft.

Arbeitest du – neben Fotografie und Malerei auch mit anderen Medien?
Ich werde im Februar am Kunstpreis Langwasser in Nürnberg teilnehmen – das Thema: „Urbane Welten“. Dabei werde ich die gesamte Serie der Fotografien als Projektion zeigen. Die Projektion hat für mich zwei Vorteile: Zum einen natürlich die Größe und damit die Präsenz im Raum, zum anderen ergibt sich hier ein ganz neuer Aspekt – nämlich die Interaktion zwischen Betrachter und Projektion in dem Sinne, dass sich je nach Standpunkt des Betrachters sein Schatten auf der Fassade zeigt. Dadurch stellt sich der Rezipient auch eher die Frage: Was hat die Architektur eigentlich mit mir zu tun? Wie beeinflusse ich Architektur? Das ist der Anfang von raumbezogenen Arbeiten, an denen ich momentan arbeite. Es gibt noch andere Ansätze und Ideen, es wäre aber verfrüht, über diese im aktuellen Stadium zu sprechen.

Wer und/oder was beeinflusst deine Arbeit? Gibt es bestimmte wichtige Vorbilder?
Meine Technik in der Malerei habe ich zum ersten Mal bei Prof. Klaus Neuper gesehen, bei dem ich ja nach meinem Studium als Architekt und Assistent gearbeitet habe. Auch andere bekannte Künstler haben einen sehr „materialistischen“ Malstil wie zum Beispiel der Italiener Giorgio Celiberti oder Antoni Tàpies. Das sind aber reine Vorbilder zur Technik. Beim Thema und der Formensprache habe ich keine konkreten Vorbilder. Wichtig für mich sind meine europaweiten architektonischen Fotografiereisen, die Grundlage meiner künstlerischen Arbeit sind. Durch das Fotografieren und den darauf folgenden Prozess habe ich eine extrem intensive Auseinandersetzung mit der jeweiligen Architektur. Das fängt an bei der Motivwahl, dem Ausschnitt, der passenden Tages- und Jahreszeit, geht weiter über die Belichtungsmessung, die Auswahl der Dias, das Scannen und die ganz wichtige Bearbeitung der digitalen Daten am Computer.

Eine letzte Frage: Was ist deiner Meinung nach charakteristisch für deine Arbeiten?
Die geradlinige Auseinandersetzung mit dem Thema Architektur.

Link zum Interview bei deconarch



Neue Westfälische Zeitung, Nr. 226, 26. September 2008
Hinter der Fassade

Sven Hamann in der Galerie Gruppe 10
Von Fiona Schmidt

Eigentlich war er davon ausgegangen, dass er als Architekt arbeiten würde. Sven Hamann hat sein Architekturstudium in Kaiserslautern mit Diplom abgeschlossen und anschließend einige Jahre diesen Beruf ausgeübt. Doch dann verstärkte sich sein Bedürfnis, frei gestalten und Ideen auf eigene Weise umsetzen zu können. So hat er vor mehreren Jahren den Schritt zum freischaffenden Künstler gewagt. Sven Hamann lebt und arbeitet in Ammerthal bei Nürnberg.
Thematisch spielt die Architektur auch in seiner Kunst – Malerei und Fotografie- eine wichtige Rolle. Hohe Gebäude, Fassaden und Fensterfronten strukturieren die Werke. In seinen Fotoarbeiten zeigt Sven Hamann direkt und klar architektonische Ansichten. Sein Anliegen ist, den Blick des Betrachters für Architektur zu wecken und zu schärfen.
Die gemalten Bilder, mehrfach geschichtete Strukturarbeiten, nehmen diese Formensprache der geordneten Reihungen, Rasterungen und Stapelungen auf. Mit Sand, Zement und Leim baut der Künstler die urbanen Gebilde auf, wobei er die Masse schon gleich vor dem Auftragen einfärbt oder danach mit Farbe über die raue Fläche geht.
Aufschichten, wegkratzen, freilegen, schützen, öffnen - was befindet sich vor der Fassade, was steckt dahinter? Durchblicke hinein (und hinaus?) ermöglichen es, ins Innere einzudringen und eventuell auch zu verletzen. Geflickte Brüche und vernarbte Stellen sind zu sehen. Auf diesen neuen Bildern löst sich Sven Hamann inhaltlich und formal von der konkreten Fassade und bringt zunehmend menschliche Befindlichkeiten in die Bilderwelt mit ein.



Westfalenblatt, 17. September 2008
Urbane Strukturen

Sven Hamann zeigt Werke in der Galerie Gruppe 10
Von Andreas Schnadwinkel

Bielefeld (and). Dass die Bielefelder Galerie Gruppe 10 die Ausstellung mit Werken von Sven Hamann zwei Tage nach dem 11. September eröffnet hat, ist ein kalendarischer Zufall.
Doch einen Bezug seiner Strukturarbeiten zu den Anschlägen vom 11. September 2001 verneint der Künstler nicht. Und eines der 13 in den Räumen an der Hans-Sachs-Straße 4 präsentierten Bilder trägt den Titel »NYC« und zeigt graue Wolkenkratzer vor schwarzem Himmel. Am Abend der Vernissage hat Galeristin Alexandra Günter diese New-York-Ansicht bereits an einen Besucher verkauft. Dass der 35-jährige Pfälzer, der sein Atelier bei Nürnberg hat, von Haus aus Diplom-Architekt ist, merkt man seinem Werk an. Die Motive sind klar strukturiert, zeigen urbane Situationen ohne Menschen und wirken vor diesem Hintergrund abstrakt. Dem Laudator Egbert Worms schien die formale Abstraktion in Sven Hamanns Arbeiten besonders deutlich. »Ich nenne sie konkret statt abstrakt«, so der Landschaftsarchitekt. In der Tat sind die Bilder so konkret, dass man sie anfassen möchte. Zement und Sand in diversen Körnungen lösen beim Betrachter in Verbindung mit geritzten und vernarbten Schichten den Reiz aus, die Oberflächen berühren zu wollen. Im Gegensatz zur Yoko-Ono-Installation »Touch me III« in der Kunsthalle ist das natürlich nicht erwünscht. Seinen Besuch in Bielefeld hat Sven Hamann auch dazu genutzt, sich die Ausstellung der japanischen Konzeptkünstlerin anzuschauen: »Ich finde es klasse, dass man die Silikonteile anfassen darf.«
Sven Hamanns Arbeiten sind bis zum 10. Oktober in den Räumen der Galerie Gruppe 10, Hans-Sachs-Straße 4, zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags, mittwochs und freitags von 10 bis 13 und 16 bis 18 Uhr.



Über meine Fotografieserie »Fassaden«, Juli 2008
Von Sven Hamann

In meiner künstlerisch Arbeit setze ich mich mit dem Thema Architektur fotografisch auseinander. Hierbei konzentriere ich mich auf die äußerlich sichtbare Grundstruktur von Architekturfassaden, auf die geometrische Anordnung / Rasterung / Reihung / Rhythmisierung von meist seriellen (Bau-) Formen.
Die gewählte frontale Perspektive distanziert sich bewusst von der alltäglichen Perspektive. Ziel dabei ist es, den Blick unausweichlich auf der Architektur einzufrieren – dem Blick keine Möglichkeit zu geben zum perspektivischen Fluchtpunkt zu fliehen und die Architektur nur flüchtig wahrzunehmen. Verstärkend kommt hinzu, dass die Architektur aus ihrer Umgebung extrahiert wird und damit der ungestörte, ortsunabhängige Blick auf die Fassade konzentriert wird.
Der dreidimensionale Raum, wird durch die perspektivische Parallelisierung in eine zweidimensionale Fläche überführt und dadurch abstrahiert. Störende und narrative Elemente werden dabei mittels digitaler Bildbearbeitung entfernt und die Fotografie somit auf die architektonische Aussage reduziert und konzentriert. Die dadurch entstehenden fast abstrakten Fotografien haben ihre Wurzeln im ästhetischen Minimalismus der Architektur.
Die fotografische Serie umfasst momentan 65 Arbeiten.